Einschätzung

Vorher / Nachher
Roland Schimmelpfennig

Vorher NachherHörbuch-Kritik
Menschen im Hotel: das ist meistens ein fruchtbarer Ansatz in der Literatur. Menschen die kommen, allein oder zu zweit, eine Weile bleiben, ihre Geschichten erzählen, ihre Probleme verdichten und dann wieder gehen, glücklicher, unglücklicher als vorher, oder ganz unverändert. Man trifft sich, verbringt eine Zeit miteinander, um sich dann wieder zu trennen. Manchmal hat man eine Begegnung, die das Leben verändert, manchmal funktioniert nur die Heizung nicht so, wie man es erwartet. Das Leben in genormten Zimmern macht die Menschen ein wenig gleicher, als sie es draußen sind. Aber im großen und ganzen ist das Leben im Hotel wie das Leben an sich. Nur eben gedrängter, pointierter.

Roland Schimmelpfennig beobachtet in seinem Hörspiel "Vorher / Nachher" einige Menschen im Hotel, hört sich ihre Geschichten an und erzählt sie weiter. Da ist die Frau um die dreißig, die gleich ihren Freund betrügen wird mit einem Arbeitskollegen und darüber sinniert, warum sie das eigentlich tut; da ist der Mann, den eine kaputte Glühbirne völlig aus der Fassung bringt; da sind die beiden Handwerker, die sich ausgerechnet in einem engen Hotelzimmer über den Weltraum unterhalten.
Aber auch traurige Geschichten werden erzählt: Etwa die von der Frau, die alle "die Grille" nennen, weil sie so dürre lange Beine hat, die, als sie ihren Mann verlassen will und von ihm geschlagen zu Boden geht, an ihre Großtante denken muss, an ihr geblümtes Kleid und an ihren Lebensgrundsatz: "Das wichtigste im Leben ist Humor. Und wer über sich selbst nicht lachen kann, der hat keinen. Und Menschen, die keinen haben, die haben wir immer versucht zu meiden, denn die tun dir weh." Sie verlässt ihren Mann und setzt sich in ein Café, das sie acht Jahre später wieder betreten wird, nach einem Gespräch mit ihrem neuen Chef, einem Vertreter des New Business. In ihm sieht sie "nur Verdrängung, keine Größe" - nicht das einzige Mal, das Schimmelpfennig die Hohlheit der Globalisierung kritisiert, ganz subtil und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.
Man trifft eine Menge Bekannte in diesem Hörspiel. Die Eheszenen sind ehrlicher und sympathischer Realismus. Aber auch surreale Momente gibt es: ein dürrer Mann krabbelt in der Art einer Spinne über seine Zimmerwände; ein unsichtbarer, tödlicher Organismus aus einer geräuschlosen Welt wird von einem Jäger gejagt; ein Mann verschwindet in einem Wandgemälde, aus dem er nicht mehr heraus kommt - es gibt "kein Zurück, kein Zurück zum Ausgangspunkt".

Es ist das Nebeneinander von ganz alltäglichen Gesprächen und Situationen und ihrer Auflösung im Gespenstischen, nicht Erklärbaren, die den Reiz dieses Hörspiels ausmacht. Sprechtext und Regieanweisung gehen ineinander über, verschmelzen. Darüber hinaus sind die Sprecher äußerst überzeugend: Traugott Buhre gibt ein ums andere Mal den Typus des kauzigen Mannes, während besonders Rosemarie Fendel mit ihrem gedämpften Alt die Desillusionierung der Figuren einfängt.
Da das Stück während einer Live-Übertragung im Hessischen Rundfunk aufgezeichnet wurde, sind alle Nebengeräusche des Publikums, aber auch das Atmen, das Sich-Räuspern der Sprecher deutlich zu hören, was den Hörer sehr unmittelbar zum Teil des Geschehens macht.
Die Musik, komponiert von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, ist sehr spärlich instrumentiert, untermalt damit sehr schön die surrealistische Komponente des Hörstücks. "Ich mache das alles, damit ich mich nicht sehen muss", sagt die Frau um die siebzig. Das könnte das Motto des Stückes, des Lebens der Figuren sein. Was sie nicht alles tun, um sich ja nicht im Spiegel sehen zu müssen, denn was sie da sehen, erschreckt sie zu Tode. Und egal ob im Einzel- oder Doppelzimmer - letztlich bleiben sie sehr allein.
Tina Manske

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